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Volksbildungsvereine

Die Niederlage Österreichs in der Schlacht von Königgrätz 1866 mit dem daraus folgenden Verlust der Vormachtstellung in Deutschland und der Teilung des Kaisertums in zwei Reichshälften wurde auf liberaler Seite vor allem dem schlechten Bildungsstand des Volkes aufgrund der Überantwortung des Schulwesens an die katholische Kirche durch das Konkordat des Jahres 1855 zurückgeführt. Die „Konkordatssoldaten“ wären den Anforderungen der modernen Kriegführung nicht gewachsen gewesen und daher schuld an dem verlorenen Krieg.

Noch 30 Jahre später begründete Emil Reich die Notwendigkeit einer intensivierten Volksbildung mit der Feststellung, „der intelligente Rekrut werde der bessere Soldat im Heer, wie am Pflug und in der Werkstatt“ sein. Ein florierendes Gemeinwesen wäre nur durch ein möglichst umfassendes Schulwesen zu erzielen. Diese Blüte sei aber nur das Ergebnis dauernden Wettbewerbs, besagte die liberale Weltanschauung, und daher habe die Volksbildung die Aufgabe, „die von der Schule (...) gelassenen Lücken zu ergänzen und dadurch die gegenwärtige wie insbesondere die künftige Generation zum Kampfe um’s Dasein zu stärken“, wie es im Aufruf zur Gründung des Wiener Volksbildungsvereins hieß.

Damit ist auch die ideologische Motivation der Volksbildungsbewegung offen gelegt: die Übertragung des von Charles Darwin in seinem 1859 erschienenen Buch „Der Ursprung der Arten“ geprägten Begriffs des „Kampfs ums Dasein“ auf das wirtschaftliche und politische Leben. Im Geiste des Nationalismus wurde der Volksbildung im „Zeitalter des wissenschaftlichen und nationalen Kulturkampfes“ ein hoher Stellenwert für die Bewährung und Bewahrung der eigenen Nation zugeschrieben.

Ein anderer Motivationsstrang zur Gründung von Volksbildungsvereinen lag im universitären Bereich. In den Jahren um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert befand sich das österreichische Hochschulwesen in einer schweren Krise. Die materielle Ausstattung vor allem der naturwissenschaftlichen Institute entsprach nicht den Anforderungen der Zeit und die Besoldung der Hochschullehrer nicht den internationalen Standards. Dazu kam noch, dass viele der vom Geist des kulturellen Liberalismus geprägten jungen Dozenten wegen ihrer neuen wissenschaftlichen Theorien und moderneren Vorstellungen von sachgerechter Wissensvermittlung auf Widerstände von Seiten des konservativen Hochschulestablishments stießen. Für sie boten Bildungsvereine eine willkommene Gelegenheit, sowohl ihre Thesen als auch ihre Lehrmethoden einer praktischen Erprobung zu unterziehen.

Die legistischen Voraussetzungen für die Gründung von Volkshochschulvereinen wurden im Jahr 1867 gelegt. Die so genannte Dezemberverfassung dieses Jahres stellte es jedermann bei nachgewiesener Befähigung frei, Unterrichtsanstalten zu gründen und Unterricht zu erteilen. Außerdem wurde das Versammlungs- und Vereinsrecht verfassungsmäßig garantiert und ein den liberalen Grundsätzen entsprechendes Vereinsgesetz geschaffen. Damit war den liberalen Volksbildungsbestrebungen eine ausreichende Grundlage geboten. Ab 1870 kam es in der zisleithanischen Reichshälfte der Habsburgermonarchie zur Gründung von Volksbildungsvereinen.