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»Nirgendwo und überall zuhause.« Jour Fixe Bildungstheorie | Bildungspraxis WS 16/17

09.2016 | Wien

»Nirgendwo und überall zuhause.«[1]
Migration, Erfahrung, Welten vermitteln
Jour Fixe Bildungstheorie | Bildungspraxis WS 16/17

 

Österreich war schon eine Migrationsgesellschaft, bevor sich dieser Begriff etabliert hat – geprägt von unterschiedlichen Phasen und Prozessen der Zuwanderung, aber auch von Flucht, Vertreibung und Deportation. Diese historischen Erfahrungen haben nach dem Zweiten Weltkrieg zur Kodifizierung des Asylrechts geführt, welches heute zusehends ausgehöhlt wird. Das Fremde wird als bedrohlich empfunden und die Möglichkeit des Zusammenlebens in einer diversen und mehrsprachigen Gesellschaft grundsätzlich in Frage gestellt. Angesichts dieser Entwicklung braucht es neue und vielleicht auch andere Bildungsräume, um gesellschaftliche Offenheit zu kultivieren und neue Wege der Verständigung zu (er)finden. Gleichwohl ist die Vermittlung unterschiedlicher Welten, die in der Migrationsgesellschaft zusammentreffen, eine alltägliche Herausforderung gerade auch für die Lernfähigkeit der Mehrheitsgesellschaft. Der Jour fixe beschäftigt sich in diesem Semester damit, wie in ganz unterschiedlichen Kontexten jenseits etablierter Bildungsinstitutionen Migrationserfahrungen vermittelt werden können und eine alltägliche Praxis des Umgangs mit Differenz und Heterogenität gebildet werden kann, die Prozessen der Ausgrenzung entgegenwirkt.

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Donnerstag, 27.10.2016, Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien, Sensengasse 3a, 1090 Wien, 19h

İnci Dirim (Wien):

Von der Mehrsprachigkeit zur migrationsgesellschaftlichen Sprachigkeit: Überlegungen zur Nutzung soziolinguistischer Sprachkonzepte für die Erwachsenenbildung

Traditionell werden Sprachen eher als abgeschlossene Einheiten im Sinne einer »Nationalsprache« gedacht. Auf dieser Basis werden in migrationsgesellschaftlichen Bildungssettings den Teilnehmer_innen der Maßnahmen Sprachen und Sprachkompetenzen zugeschrieben, sodass sie mit verschiedenen Erwartungen adressiert werden. Soziolinguistische Studien zeigen allerdings, dass Sprache in der Migrationsgesellschaft nicht nur »Nationalsprache« heißt, sondern dass das Sprechen von Sprachkontaktphänomenen und weiteren Nonstandard-Formen von Sprache gekennzeichnet ist. Im Vortrag werden diese Forschungsergebnisse vorgestellt, Möglichkeiten ihrer theoretischen Fassung diskutiert und – vom Schulbereich inspiriert – überlegt, mit welchen didaktischen Modellen Erwachsenenbildungsangebote gestaltet werden können.

İnci Dirim, Professorin für Deutsch als Zweitsprache am Institut für Germanistik der Universität Wien.

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Donnerstag, 10.11.2016, Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien, Sensengasse 3a, 1090 Wien, 19h

Hans Karl Peterlini (Klagenfurt):
Erinnern und Sprechen in der Migrationsgemeinschaft

Der Beitrag lotet den Zusammenhang zwischen Erinnerungskultur und politischer Teilhabe aus. Sprechen dürfen ist nach Hannah Arendt eine »unerlässliche Vorbedingung politischen Handelns«. Solches »Sprechen dürfen« wird in Integrationsdiskursen meist auf ein möglichst rasches Lernen der Sprache des Ziellandes verengt. Diese Sprachkompetenz kann aber völlig unzureichend sein, »um Sätze zu bilden, auf die gehört wird«, da »soziale Akzeptabilität nicht auf die Grammatikalität« beschränkt sei (Bourdieu). In diesem Sinne ist »soziale Akzeptabilität« daraufhin zu untersuchen, worüber überhaupt gesprochen werden darf, welche Erinnerungsnarrative in der Migrationsgesellschaft das Sprechen bestimmen und damit auch Öffnungen und Schließungen gegenüber Migrantinnen und Migranten regulieren.

Hans Karl Peterlini ist Professor für Allgemeine Pädagogik und interkulturelle Bildung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

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Donnerstag, 1.12.2016, Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien, Sensengasse 3a, 1090 Wien, 19h

Klaus Ratschiller (Wien), Marc Ries (Offenbach):

Flucht erfahren, lernen

Aus einem Gymnasium und einer Kunsthochschule berichten wir anhand von Arbeitsbeispielen, wie »Flucht« zum Thema unserer Lehre wird. In einem Dialog gehen wir der Frage nach, welchen philosophischen und medienästhetischen Kriterien unsere Auseinandersetzung mit der Figur des »Flüchtlings« folgt. Zur Diskussion steht letztlich, wie und wozu »Flucht« als Gegenstand philosophisch-ästhetischer Bildung erfahrbar wird und werden muss.

Klaus Ratschiller, Philosoph, Schriftsteller, Lehrer in Wien

Marc Ries, Professor für Medientheorie und Soziologie an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main

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Donnerstag, 12.01.2017, Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien, Sensengasse 3a, 1090 Wien, 19h

Vida Bakondy (Wien):  Flucht in Bildern

»Es gibt zwei Sorten von Flüchtlingen: solche mit Fotos und solche ohne Fotos« zitiert die kroatische Schriftstellerin Dubravka Ugrešić einen bosnischen Flüchtling in ihrer Essaysammlung »Das Museum der bedingungslosen Kapitulation« (1998). Vor dem Hintergrund von Krieg, gewaltsamer Vertreibung und Ermordung stellt der Besitz von privaten Fotografien und Alben, die an ein früheres, vergangenes Leben erinnern, keine Selbstverständlichkeit dar. Wie aber lassen sich diese Erfahrungen im Medium des privaten Albums darstellen, wie schreiben sie sich ein? Im Mittelpunkt meines Vortrags steht ein privates Album, das die ehemaligen Wiener Hakoah-Schwimmerin Fritzi Löwy über ihre Exilzeit in der Schweiz der Jahre 1944 und 1945 angefertigt hat. Welche biografischen Rückschlüsse lässt das Album auf ihre Exilzeit zu, welchen Geschichten stecken gleichsam hinter den Bildern? Welche Rückschlüsse ermöglicht das Album als historische und biographische Quelle über Erfahrungen von Flucht, Exil und Vertreibung?

 

Vida Bakondy, freischaffende Historikerin, Wien

 

Konzept und Koordination: Bettina Dausien, Thomas Hübel, Wolfgang Kellner, Daniela Rothe, Stefan Vater

Eine Kooperation von: Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien, Ring Österreichischer Bildungswerke, Verband Österreichischer Volkshochschulen, IWK

Koordinator_innen:

Bettina Dausien: Professorin für Pädagogik der Lebensalter am Institut für Bildungswissenschaft der Uni­versität Wien. Thomas Hübel: Generalsekretär des IWK. Wolfgang Kellner: Leiter des Bildungs- und Projektmanagements im Ring Österreichischer Bildungswerke. Daniela Rothe: Arbeitsbereich Bildung und Beratung im Lebenslauf, Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Stefan Vater: wissenschaftlicher Mitarbeiter der Pädagogischen Arbeits- und Forschungsstelle des Verbands Österreichischer Volkshochschulen

FOLDER

[1] Martin Doerry, Überall und nirgendwo zu Hause. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust, München 2006.