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AutorIn: Bachofen v. Echt, Adolf/Berlepsch, Goswina v./Bernatzik, Edmund et al.
Titel: Aufruf zur Gründung eines Volksheims (Volkshochschule)
Jahr: 1901
Quelle: Österreichisches Volkshochschularchiv (ÖVA), B-VHO, Geschichte des Volksheims in Zeitungsausschnitten, Ordner 1901-1912.
Sachdeskriptor: Volksheim Ottakring

In vieljähriger emsiger Arbeit haben die Arbeiterbildungsvereine, der Volksbildungsverein, der Verein Centralbibliothek und die Universität selbst das Volksbildungswesen in Wien derart gefördert, dass Wien den Vergleich mit anderen Städten des europäischen Continents nicht zu scheuen braucht. Die Volksbibliotheken verzeichnen jährlich Millionen Bücherentlehnungen, die Curse und Vorträge an 100.000 Hörer, auf dem Gebiete der volksthümlichen Kunstpflege ist mancher vielversprechende Anfang gemacht. All dies wurde mit verhältnissmässig sehr geringen Mitteln erreicht, aber all dies zeigt auch nur den Weg, auf dem wir vorwärts schreiten müssen, um das Bildungsbedürfnis der Massen dauernd zu befriedigen, um einem Theile unserer socialen Pflichten gerecht zu werden.

Wir müssen eine Concentration der verschiedenen Bildungsbestrebungen durchführen, durch welche die Selbständigkeit der Einzelnen nicht geschmälert wird, einen weiteren Ausbau des freien Unterrichtssystems, wobei die Selbstthätigkeit der Lernenden durch persönlichen Umgang mit den Lehrenden geleitet wird, eine Organisation, in der die Bildungsbedürfnisse ihren Ausdruck und zum Theile auch, soweit es nicht anderswo geschieht, ihre Befriedigung finden.

Aus dem Kreise der Hörer der volksthümlichen Universitätscurse wurde die Anregung gegeben, nach dem Muster der englischen Anstalten und der französischen Université populaire ein Volksheim, eine Volkshochschule zu gründen, in der den Hörern der volksthümlichen Curse Gelegenheit geboten würde, ihr Wissen durch gut geleitete Lektüre und durch Specialcurse zu erweitern und zu vertiefen, und das zu erlangen, was nur durch persönlichen Umgang zwischen Lernenden und Lehrenden, nur durch Individualisierung gewonnen werden kann. Im Volksheim sollen Lese-, Bibliotheks-, Vortragsräume vereinigt sein mit Räumen, in denen musikalische Productionen oder physikalische Demonstrationen stattfinden oder Wanderausstellungen von Kunstwerken organisirt werden. Andere gemeinnützige Einrichtungen der verschiedensten Art sollen sich anschliessen, bis das Volksheim, die Volkshochschule, zu einem wirklichen Volkspalaste ausgestaltet ist.

Dies kann nur erreicht werden durch das Zusammenwirken aller Corporationen, die sich die Hebung der Volksbildung zum Ziele setzen, durch die Mitarbeit aller Lehrer, vom Hochschullehrer bis zum [S. 1] Volksschullehrer, aller Freiwilligen der Volksbildung, ob sie nun Bildung geben oder empfangen wollen. Im Zusammenarbeiten werden durch den gegenseitigen Verkehr Alle lernen und Alle lehren.

Wir behalten unverrückt das letzte Ziel, den Volkspalast, im Auge; wir werden ihm umso rascher nahe kommen, je stärker die Betheiligung aus allen Kreisen der Bevölkerung ist. Wir sind uns bewusst ein Werk zu beginnen, das erhaben sein soll über die Streitigkeiten des Tages; deshalb schliessen wir Niemanden aus und heissen Jeden willkommen.

Ad. Bachofen v. Echt jun. - Goswina v. Berlepsch. - Univ.-Prof. Dr. Edm. Bernatzik. - Tina Blau. - Univ.-Doc. Dr. Karl Brockhausen. - K. Bulwas, Lehrer. – Dr. Marie v. Ebner-Eschenbach. - Hofrath Univ.-Prof. Dr. V. v. Ebner. - Hofrath Univ.-Prof. Dr. G. v. Escherich. - Else Federn. - L. Finke, k. k. Forstmeister. - A. Freissler, Fabrikant. – Dr. Friedrich Frey, Schriftführer des Rechtshilfevereines. – Dr. E. v. Fürth, Obm.-Stellv. des Volksbildungsvereines. – Stud. phil. Karl Furtmüller, Schriftf. des socialwiss. Bildungsvereines. – M. E. delle Grazie. - Hofrath Univ.-Prof. Dr. Max Gruber, Vorsitzender des Ausschusses für volksthüml. Universitätsvorträge. – Dr. Mich. Hainisch, Obmann des socialwiss. Bildungsvereines. - Univ.-Doc. Dr. Ludo Moritz Hartmann, Secretär der volksthüml. Universitätsvorträge. - Josef Heily, Obmann des Volksbildungsvereines «Gleichheit». - Stud. jur. Rud. Herbst. - Stud. jur. Fritz O. Hertz. - Dr. I. Himmelbaur, Custos der Univ.-Bibliothek. – Prof. Dr. W. Jerusalem. - Univ.-Prof. Dr. Friedr. Jodl, Obmann des Volksbildungsvereines. - Paul Kövari, Obmann des Arbeiter-Bildungsvereines Rudolfsheim-Fünfhaus. - Josef Kuntze, Obmann des Arbeiter-Bildungsvereines. - Univ.-Doc. Dr. Anton Lampa, Obmann der Vereinigung österreichischer Hochschuldocenten. – Dr. Ed. Leisching, Obm.-Stellv. des Volksbildungsvereines. - Josef Lewinsky, k. u. k. Hofschauspieler. – Hofrath Univ.-Prof. Dr. Ernest Mach. - Hofrath Prof. G. Marchet, Reichsrathsabg. - Rosa Mayreder. - Emil Marriot. - Dr. Ad. Menzel. - L. Michalek. - Univ.-Prof. Dr. Laur. Müllner. - Dr. Julius Ofner, Reichsraths-Abgeordneter. - Univ.-Prof. Dr. Albr. Penck. - Engelbert Pernerstorfer, Reichsraths-Abgeordneter. - Univ.-Prof. Dr. E. v. Philippovich. - Univ.-Doc. Dr. Emil Reich. - Georg Reimers, k. u. k. Hofschauspieler. - Univ.-Prof. Dr. Ed. Reyer. - Ferd. v. Saar. - Univ.-Docent Dr. W. Schiff. - Hofrath Univ.-Prof. Dr. J. Schipper. - G. Schmiedl, Lehrer. – Univ.-Prof. Dr. E. Schrutka v. Rechenstamm. - Dr. Albert Schwab, Fabrikant. - Univ.-Prof. Dr. G. Seidler. - Karl Seitz, Reichsraths-Abgeordneter. - Dr. Franz v. Sprung. - Univ.-Prof. Dr. Ad. Stöhr. - Univ.-Prof. Dr. Ed. Suess. - Univ.-Prof. Dr. Heinrich Swoboda. - Univ.-Doc. Dr. Julius Tandler - Univ.-Prof. Dr. Fr. Tezner. - Hofrath Univ.-Prof. Dr. Karl Toldt. - Univ.-Doc. Dr. R. Wallaschek. - Univ.-Prof. Dr. R. v. Wettstein. - Graf Albrecht Wickenburg. - Prosector Dr. Ad. Zemann. - Hofrath Univ.-Prof. Dr. Emil Zuckerkandl. - Karl Zwirner, Obmann des Arbeiter-Bildungsvereines «Apollo».

Die constituirende Versammlung des Vereines «Volksheim», der sich die Aufgabe stellt, die Volkshochschule zu errichten, findet am 24. Februar, um halb 10 Uhr Vormittags im Ballsaale Ronacher, I., Schellinggasse 3, statt.

Der Beitrag für 1901 beträgt für Mitglieder von Bildungsvereinen, Hörer der volksthümlichen Universitätscurse und ständige Leser von Volksbibliotheken 5 Kronen, die auch in Raten zu 1 Krone erlegt werden können; für unterstützende Mitglieder 15 Kronen, für Förderer 200 Kronen.

Anmeldungen und Zahlungen nehmen entgegen: Kanzlei des Volksbildungsvereines, I., Tegetthoffstrasse 4. - Arbeiterbildungsverein, VI., Gumpendorferstrasse 62. - Volksbibliothek, XVI., Neumayrgasse 21. – Dr. Fr. Frey, I., Schottenbastei 4. – Dr. E. v. Fürth, I., Bartensteingasse 8. – Dr. L. M. Hartmann, I., Universität. [S. 2]

(Wortwahl, Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen dem Original. Die im Original durch Sperrung hervorgehobenen Wörter wurden kursiv gesetzt. In eckiger Klammer steht die Zahl der jeweiligen Seite des Originaltextes. Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.)


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