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AutorIn: Hartmann, Ludo Moritz
Titel: Volksprofessuren
Jahr: 1908
Quelle: Bericht über die Verhandlungen des III. Deutschen Volkshochschultages am 27. April 1908 in Dresden in der Technischen Hochschule (veranstaltet vom Verbande für volkstümliche Kurse von Hochschullehrern des deutschen Reiches und vom Ausschusse für volkstümliche Universitätsvorträge an der Wiener Universität), Leipzig 1908, S. 69-71.
Sachdeskriptor: Volksheim Ottakring

Wir können Richtlinien für unsere fernere Arbeit entwickeln aus der Beobachtung dessen, was bis jetzt geschehen ist. – Es ist in der bisherigen Tätigkeit so manches mit eingeschlossen, was nicht hineingehört. Unsere Aufgabe ist es, ein neuartiges Schulwesen zu errichten, das sich aber nicht richtet an die Kinder, sondern an die Erwachsenen. Wenn sich unser heutiges Volks- und Mittelschulwesen noch sehr, sehr weit ausgestaltete, so würde doch der Tätigkeit der Volkshochschulbildung noch ein weites Feld offen stehen: Dem Erwachsenen Kenntnisse zu übermitteln, welche dem Kinde noch nicht vermittelt werden können. – Und ein Weiteres, das wir ebenfalls nicht bezwecken, muß von vornherein ausgeschaltet werden; das ist die Fachbildung. Es wäre unnötige Kraftverschwendung, sich in irgendeiner Weise auf diese Dinge einzulassen. Wir wollen den Hörern nicht fachmännisches Wissen beibringen, wir wollen sie denken lehren. Wir wollen an ihnen das leisten, was man bei Kindern noch nicht leisten kann. Dieses Bestreben erkennen unsere Hörer vollständig an, es führt sie zu uns. Es ist das menschlichste allen Strebens, das Streben nach Weiterbildung, nach Erweiterung des Horizontes, nach der Erwerbung allgemeiner Kenntnisse. Dahin lauteten auch die Antworten, die uns auf unsere ausgegebenen Fragebogen auf die Frage: "Was hat Sie zur Teilnahme an den Kursen veranlaßt?", zuteil wurden. Wir wollen unsere Hörer überhaupt nicht beeinflussen: ein erwachsener Mensch ist nicht dazu da, gute Lehren über sich ergehen zu lassen. Eine Beeinflussung im Sinne der gegenwärtigen oder zukünftigen Gesellschaft wäre hier nicht am Platze.

Der Keim der ganzen Bewegung liegt in den Arbeiter- und Volksbildungsvereinen. Aus der Lasalleschen Agitation entstammen die Keime für das, was später wurde. Die Vereine für Volksbildung haben vor allem das großartige Bibliothekswesen als Mittel der Volksbildung betrieben.

In Österreich hat das Volkshochschulwesen die älteste Geschichte. Der Wiener Volksbildungsverein veranstaltete zuerst einige Vortragszyklen, mußte sie aber aus Mangel an finanziellen Mitteln wieder einstellen. Sonst wurden immer nur Einzelvorträge veranstaltet, die zwar die Neugier in hohem Maße reizen, aber nicht wirklich bilden können. – Die Universität hat nun nicht nur Einzelkurse abgehalten, sondern auch begonnen, Kurse zusammenzulegen; wir haben schon 8, ja 10-12 fortlaufende Kurse über ein größeres Wissensgebiet in Wien, was besonders bei naturwissenschaftlichen (z. B. Anatomie–) Vorlesungen sehr angebracht erschien.

Aber nicht nur das Vortragen, sondern auch das Hören muß erst allmählich gelernt werden. Es war nun außerordentlich erfreulich für uns, dass sich viele gefunden haben, denen gleich uns dieser bisherige Grad der Intensität des Vortragens und des Hörens nicht mehr genügte. Es wurde das "Volksheim“ gegründet. Bemerken möchte ich noch, daß wir unsere [S. 69] Volkshochschule nicht etwa aus Bescheidenheit "Volksheim" genannt haben; wir hatten die Bezeichnung "Volkshochschule" beabsichtigt; als wir jedoch die Erlaubnis der löblichen Behörde dazu einholen wollten, wurde uns dieser Titel nicht gestattet und der bescheidenere, "Volksheim", aufgezwungen. Jetzt sind wir selbst so froh, durch diese Bezeichnung den Zweck unseres Heimes so richtig zum Ausdruck zu bringen, daß wir diesen Namen nicht wieder ablegen möchten. Das Volksheim repräsentiert zugleich die Integrierung der verschiedenen Richtungen und räumlich die Konzentration an einem Ort. Wir geben so unseren Hörern die Möglichkeit, hintereinander alle diese Mittel anzuwenden, um ihre Bildung zu verbessern. Uns erschien besonders dringend das Bedürfnis nach einer Ständigkeit der Organisation, und unser Vorgehen wurde uns erleichtert, unsere rasche Entwicklung gefördert durch die regelmäßige Staatsbeihilfe, welche der Universität und ihren Kursen (nicht dem Volksheim) zuteil wurde, und welche Sie hier in Deutschland ja leider noch entbehren. Ein Idealist, und Idealisten sind wir ja wohl alle, kann sich nur auf die Dauer halten, wenn er der Verwirklichung seiner Ideale mit sehr realen Mitteln zustrebt. Es ist eine Notwendigkeit, dass der Staat diesen Zweig der Schultätigkeit, wenn er ihn nicht ganz übernimmt, doch wenigstens subventioniert. – Wir haben auch jene Universitätshilfe, indem die Vorträge nicht nur von einzelnen zu Vereinen zusammengeschlossenen Gruppen von Universitätslehrern, wie z. B. in Berlin und München, abgehalten werden. Dadurch hat die Sache von vornherein eine gewisse Ständigkeit bekommen und eine weit bessere Garantie für ihr Fortbestehen. Wir haben eine große Anzahl von Privatdozenten, welche ihre Kraft der University–Extension zur Verfügung stellen. Die volkstümlichen Universitätskurse honorieren diese Vortragenden per Kurs in halbwegs angemessener Weise. Aber unsere Volkshochschule, das Volksheim, ist noch nicht imstande, entsprechende Honorare zu zahlen. Es ist nun vielfach der Vorschlag gemacht worden, Habilitationen für die University–Extension direkt zu veranlassen. Es handelt sich ja aber bei uns nicht darum, daß der Vortragende das weitergibt, was er selbst erst gelernt hat während seiner Ausbildungszeit, sondern das, was er selbst, mitten im wissenschaftlichen Leben und in der Forschung stehend, erst erworben hat. Nur der, der selbst forscht, kann die Ergebnisse der Forschung in der rechten Weise lehren. Wenn man einen Herrn habilitiert speziell nur für Volksbildung, so hat derselbe eben nur das notwendige aufgespeicherte Wissen, aber noch lange nicht die Qualifikation zum Lehren. Der Vortragende muß Anpassungsfähigkeit an sein Publikum besitzen. Privatdozenten müssen im Nebenamt Volksprofessuren erhalten. Es gibt heute Tausende von Privatdozenten, welche zu dreivierteln darauf angewiesen sind, irgendeinen Nebenerwerb zu betreiben. Sie geben z. B. Privatunterricht in breitester Ausdehnung, welcher ihre Weiterbildung in wissenschaftlicher Richtung durchaus nicht fördert, sondern ihnen nur die Arbeitszeit zur Weiterbildung nimmt. Solche Herren müssen herangezogen [S. 70] werden. Aber das geht nur dann, wenn der Nervus rerum vorhanden ist, wenn die Volkshochschule ihre Professoren bezahlen kann wie die richtigen Hochschulen die ihrigen. Es ist also in erster Linie nötig, den Nervus rerum zu beschaffen. Wir sind Optimisten, wie wir vorhin gehört haben, gut: wir wollen's auch sein. Unsere erste Forderung muß sein, daß in die Volkshochschule auch die Volksprofessur hineinkommt. Es wird für die Hochschulausbreitung selbst von größtem Nutzen sein, wenn ein solcher Wechsel eintritt. Wir in Wien haben die vollständigen Vorbedingungen dafür. Aber woher wir uns das Geld für die Volksprofessuren verschaffen, das weiß noch kein Mensch. Wir müssen in der Öffentlichkeit das Verständnis für diese Notwendigkeit erwecken, wir müssen den maßgebenden Stellen klar machen, daß die Mittel dazu aufgebracht werden müssen. Wir müssen darauf hinwirken, daß die Überzeugung überall platzgreift, daß das Volkshochschulwesen eine öffentliche Angelegenheit ist, daß es sich in einer Weise ausdehnt, daß auch der Privatmann Freude am Geben nach dieser Seite hin erlangt. Es wäre mit großer Freude und Dankbarkeit zu begrüßen, wenn sich nach dem vorbildlichen Beispiel Carnegies recht viele zu Stiftungen in dieser Richtung fänden.

Schließlich aber wird auch hier der Staat eintreten müssen. Erst dann, wenn in dieser Weise die Volkshochschule vollendet dastehen wird, wird diese große soziale Aufgabe erfüllt sein. Notwendig ist dazu die gegenseitige Hochachtung: der Respekt der körperlich Arbeitenden vor geistiger, die Achtung der geistig Arbeitenden vor körperlicher Arbeit. Die gegenseitige Anerkennung ehrlicher Arbeit und Leistung ist ein Ziel, das des Schweißes der Edlen wert ist.

In der Überzeugung, daß das gesamte Volkshochschulwesen nicht eine private Liebhaberei ist, sondern einem unleugbaren Bedürfnis entspringt, daß weiter auch die ausgedehnteste Gebefreudigkeit einmal erlahmen muß, wird der Staat zu der Überzeugung gebracht werden müssen, daß er für Anstellung ordentlich bezahlter Volksprofessoren zu sorgen hat. Erst dann, wenn die Vollendung dieser Aufgabe der Volkshochschulbildung durchgeführt ist, wird man sagen können, daß die Arbeit, welche aufgewendet wurde, zu einem guten Ende gebracht wurde.

Dank diesen Bestrebungen werden die Arbeiter künftig noch weit mehr Verständnis der geistigen Arbeit entgegenbringen und die geistigen Arbeiter werden auch mehr Respekt vor der großen Arbeiterschaft lernen, die die wichtigste Basis des modernen Staates bildet. Es ist gesagt worden, wir seien Optimisten. Nun gut, unsere Aufgabe ist eines gesunden Optimismus wert. Und praktischer Optimismus ist immer notwendig, um Ideale in die Wirklichkeit zu übersetzen. [S. 71]

(Wortwahl, Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen dem Original. Die im Original durch Sperrung hervorgehobenen Wörter wurden kursiv gesetzt. In eckiger Klammer steht die Zahl der jeweiligen Seite des Originaltextes. Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.)