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AutorIn: Jäger, Karl
Titel: Von der Wollzeile auf den Aspernplatz. Nach Notizen von Prof. Friedrich Umlauft und eigenen Erinnerungen
Jahr: 1935
Quelle: Fünfundzwanzig Jahre Uraniagebäude 1910-1935. Wien o. J. (1935), S. 15-18.

[S. 15 ] Ein Hof in einem Häuserblock der Wollzeile im 1. Bezirk. Darüber ein Glasdach, im Raum darunter ein Podium mit theatermäßiger Andeutung durch einen Rahmen, der neben einem Vorhang eine Projektionsfläche trägt. Logen im rückwärtigen Teil und Klappstühle in 30 bis 40 Reihen; ein improvisierter Saal in der Form eines einfachen Kinos. Es ist aber kein Kino. Etwas Besonderes schwebt im Raum. Die Einfachheit der Ausstattung deutet an, hier versucht sich eine Idee, hier sucht ein Gedanke Wurzel zu fassen, der sich vom geschäftsmäßigen Kino unterscheidet, sonst wäre die Aufmachung anderer Art. Es ist das Heim der Wiener Urania in den Jahren 1899 bis 1910. Trotz seiner Schlichtheit von vielen Menschen in ihrem Verlangen, /dem Geschehen in der Natur, in Kunst und Wissenschaft/ näher zu kommen, ein gern gesuchter Aufenthalt, die zweite Wirkungsstätte der Urania. Die erste bildete im Prater den architektonischen Abschluß der Bauten der Jubiläumsausstellung des Jahres 1898, zugleich einen Glanzpunkt von außerordentlicher Anziehungskraft.

Eine junge Stürmergruppe im niederösterreichischen Gewerbeverein hatte sich 1895 unter dem Namen „Reformklub“ konstituiert, mit dem Ziele, moderne Bildungsbestrebungen zu fördern. „Wissen ist Macht“, das Schlagwort der damaligen Bildungsfreunde, leuchtete über den Plänen der jungen, idealen Vereinigung. In temperamentvoller Werbearbeit erweiterte sich der Kreis, und schon ein Jahr später reifte der Entschluß der tatkräftigen Jungmannschaft des Gewerbevereines, in Wien eine Urania nach dem Vorbild des von dem Astronomen Dr. Wilhelm Mayer und dem Sternwartedirektor Dr. Wilhelm Förster in Berlin unter dem gleichen Namen geschaffenen Volksbildungsinstitutes ins Leben zu rufen. Mit aufsehenerregendem Erfolg hatte das Berliner Unternehmen die Pläne Dr. Wilhelm Mayers zur Ausführung gebracht; plastische Darstellung in Verbindung mit Wort und raffinierter Lichtbildwirkung versuchte in populärster Form naturwissenschaftliche Belehrung zu vermitteln. Nun sollten diese eindrucksvollen, wissenschaftlichen Schauspiele auch in Wien zur Darstellung gebracht werden und das Interesse weitester Kreise für die Volksbildungsidee der zu schaffenden Wiener Urania gewinnen.

Einer dieser neuartigen Vorträge wurde deshalb von der Urania für Wien erbeten und im Deutschen Volkstheater zur Aufführung gebracht: „Ein Ausflug nach dem Monde.“ Der Erfolg war ein nachhaltiger und äußerte sich nicht nur in der Höhe der Einnahmsziffer; das Publikum, das bisher dem geplanten Unternehmen mit Neugierde gegenüberstand, sah mit dieser ersten Darbietung seine Erwartungen übertroffen. Die Arbeitsfreude der tatkräftigen Junggruppe hatte, durch das Gelingen dieser ersten Veranstaltung, erneuten Auftrieb erhalten. Mit Begeisterung wurde der Plan, in der Jubiläumsausstellung ein Provisorium für die Urania zu schaffen und später in der inneren Stadt ein eigenes Gebäude zu errichten, zum Beschluß erhoben. Unter der Leitung des Architekten Baumann erstand im Prater das erste Uraniagebäude, inmitten eines botanischen Gartens, ein Holzbau mit einer Sternwarte, einem Saaltheater mit 800 Sitzplätzen, zahlreichen kleinen Ausstellungsräumen und Experimentiersälen. Unter Leitung des Direktors Brezina gelangten zwei Neuerscheinungen der Berliner Urania zur erfolgreichen Aufführung: „Der Kampf um den Nordpol“ und „Die Fahrt durch den St. Gotthard“. Es folgte der Ausstellungsvortrag „Quer durch Oesterreich“ und schließlich der Hochpunkt der Erfolge, „Das Eisen“. Farbige Lichtbilder, Kinematogramme, plastische Szenen wechselten in rascher Reihe, blendeten durch die Neuheit der Darstellung, gaben der Schaulust der Besucher eine Fülle interessanter Details, farbig und lebendig. Das Publikum war begeistert, der Andrang enorm. Auch die wissenschaftlichen Vorträge in den Lehrsälen fanden lebhaften Zuspruch. Der Beweis der Lebensfähigkeit der Urania schien erbracht zu sein. Am Schluß der Ausstellung verstärkte sich der Wille, die Urania-Idee weiterzuführen, die Errichtung eines Gebäudes in der inneren Stadt mit allem Nachdruck anzustreben. Vorerst sollte im kommenden Winter eine Gastspielreise von Wien bis Triest die erfolgreichen Vortragsstücke der weitesten Oeffentlichkeit vermitteln. Leider erfüllten sich die in die Reise gesetzten Hoffnungen nicht, das Unternehmen wurde abgebrochen.

Im Prater stand noch immer das schöne Gebäude der Urania. Nun sollte im Sommer 1899 der Betrieb erneut ins Leben treten. Die Verhältnisse aber hatten sich geändert. Die Pavillons der Ausstellung waren abgebrochen, ein Trümmerfeld war rings um die Urania, die dazu noch am Ausgangspunkt der Bauten stand. Der Versuch der Wiederbelebung endete mit einem Mißerfolg, das Interesse des Publikums war verflogen und mit ihm das Vertrauen maßgebender Kreise an die Bestandsmöglichkeit des Volksbildungshauses.

Um 1900 wurde trotz dieser Vertrauenskrise die Urania eingeladen, in der Arena des „Tiergartens am Schüttel“ ihre Veranstaltungen durchzuführen. Die Arena wurde ihr kostenlos zur Verfügung gestellt. [S. 16 ] Ein großes Uraniafest, das lebhaften Zuspruch fand und die höchsten Kreise der Stadt als Besucher sah, bildete den Auftakt der Tätigkeit an der neuen Arbeitsstätte. Der Betrieb wurde mit schönem Erfolg aufgenommen und mit gutem Gelingen weitergeführt, eine Reihe wirksamer Vorträge erlebten hier ihre Erstaufführung. 1903 wurde der „Tiergarten“ plötzlich gesperrt, die Unternehmer zogen sich zurück. Die Urania erscheint wieder ohne Heim, ohne sicheren Boden für ihre Wirksamkeit.

Aber das „Syndikat Urania“ hielt fest an dem Gedanken der Weiterführung des Unternehmens. Die Bedeutung der Urania-Idee für Wien war trotz der Enttäuschung, den der Zusammenbruch im Prater und der Verlust der Arbeitsstätte im Tiergarten hervorriefen, den führenden Männern klar geworden. Mit allen Mitteln mußte versucht werden, das geschwundene Interesse wieder zu wecken, die Idee nicht versanden zu lassen, mit aller Energie den Aufbau eines Volksbildungshauses in der inneren Stadt zu ermöglichen.

An die Errichtung eines eigenen Gebäudes war vorerst nicht zu denken, dazu fehlten die Mittel, so wurde Ausschau nach einer geeigneten Lokalität gehalten und die Urania im ersten Bezirk, Wollzeile 34, in dem Raum des ehemaligen „Storchbazar“, eingemietet. Es war der glasüberdachte, schlichte Hof, der nun durch elf Jahre vielen Tausenden von Wienern ein gern gesuchter Ort geistiger Erholung werden sollte.

Die Leitung des Unternehmens wurde neu gebildet; der bisherige Präsident Josef /Hetzer/ war zurückgetreten, an seiner Stelle wurde der Schriftführer des Syndikats, Dr. Ludwig /Koessler/, zum Präsidenten gewählt. Schon in seiner Eigenschaft als Schriftführer des Syndikats zeigte sich Dr. Koessler als eine hochintelligente, treibende Kraft, die sich erst recht entfaltete, als die Schwierigkeiten des Betriebes, der sich erneut wieder aufbauen mußte, volle Hingabe der Beteiligten erforderten. Das Vertrauen der breiten Oeffentlichkeit wieder zu gewinnen, war nach dem Mißerfolg des zweiten Betriebsjahres im Prater sehr schwer. Der Betrieb mußte reduziert werden. Mangel an Kapital, Raumverhältnisse zwangen die Leitung, sich vorerst auf allereinfachste Darbietungen zu beschränken.

Professor Dr. Friedrich /Umlauft/ war nach dem Ausscheiden des Direktors Brezina als wissenschaftlicher Referent gewonnen worden, ein besonders auf naturkundlichem Gebiet äußerst gewandter Mann. Unter seinem Einfluß entstanden eine Reihe von Projektionsvorträgen, die hohe Aufführungsziffern erreichten.

War es vorläufig auch unmöglich, mit Ausstattungsstücken, mit großen äußeren Mitteln zu arbeiten, um die Masse des Großstadtpublikums zu gewinnen, versuchte man den Ausgleich auf geistigem Gebiet zu finden, um die Seriosität des Unternehmens möglichst augenscheinlich zu machen. Ein Gedanke, dessen Durchführung nicht so leicht war. Die Begeisterung der wissenschaftlichen Kreise Wiens hatte sich seit dem Mißerfolg des Jahres 1899 sehr abgekühlt. Vielleicht war auch der geschäftsmäßige Aufbau des Unternehmens Ursache, daß sich viele der angesehensten Gelehrten sehr zurückhaltend zeigten. Nur äußerst feinem Takt und einer grundlegenden Veränderung im Aufbau der Vereinigung gelang es, diese Zurückhaltung zu brechen.

Hatte sich der Betrieb den Verhältnissen entsprechend geändert, so war auch, unter der Führung des neuen Präsidenten, das Wesen der Vereinigung ein anderes geworden. Aus dem „Syndikat“ hatte sich der unpolitische Verein „Wiener Urania“ gebildet. Das Geschäftsunternehmen, welches den Anteilscheinbesitzern des Syndikats finanzielle Vorteile sicherte, wandelte sich in eine Vereinigung, deren höchster Zweck es war, die Verbreitung wissenschaftlicher und technischer Kenntnisse, im besonderen die Verbreitung allgemeiner Bildung. Aus den Anteilscheinbesitzern wurden zu Großteil Stifter, aus den Anhängern der Volksbildungsidee im Syndikat Mitglieder der Wiener Urania. Ein kleines wissenschaftliches Komitee gliederte sich als Beratungsstelle der Leitung an, die mit Erfolg sich bemühte, das Programm reicher zu gestalten. Die Lichtbildervorträge treten zurück, die wissenschaftlichen Themen mehren sich, stärker rückt die künstlerische Note vor, besonders in Rezitation und Vorlesung. Die aktuellsten Fragen finden ihre Behandlung, Exkursionen ihre Pflege, Bildungsreisen werden veranstaltet. Der Glaube an das Unternehmen stärkt sich zusehends, was die gut besuchten Vorträge und steigende Zahl der Mitglieder beweisen. Das Bestreben geht dahin, nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Breite zu wachsen. Gastspielreisen tragen die Urania-Idee neuerlich in die Provinz.

War die Urania nun daran, den großen Kreis der Wiener Bildungsfreunde endgültig zu gewinnen, Bürgertum und Arbeiter, so galt es nun, ein weiteres Ziel, die Jugend dem Hause vertraut zu machen. Die Unterrichtsverwaltung hatte sich merkwürdigerweise dem aufstrebenden Bildungsinstitute gegenüber auffallend uninteressiert verhalten, obwohl die Darstellungsmittel der Urania, wie Projektion, Lichtbild, Film und Demonstrationsmöglichkeiten, die Durchführung wertvoller Lehrstunden ermöglichten, und die Schulen über derartige Einrichtungen noch nicht verfügten. Um auch hier Wandel zu schaffen, die Jugend, die Schulen dem Hause zu gewinnen, wurde der damalige Schuldirektor Josef /Jaksch/ gewonnen, den Besuch der Schulen zu organisieren, die Vorträge des Hauses dem Lehrplan dienstbar zu machen und sie zu einer wertvollen Ergänzung des Unterrichtes zu gestalten. Mit unermüdlicher Sorgfalt und Ausdauer gelang dem bewährten Jugendbildner dieses Werk. Die Schulen wurden gewonnen, die Lehrer begeisterten sich für die neue Idee, und unter persönlichem Opfer jedes einzelnen entwickelten sich diese Schülerbesuche zu einer höchst bemerkenswerten Leistung im Programm der Wiener Urania.

Der Saal wird zu klein. Er genügt nicht mehr den technischen Notwendigkeiten, genügt nicht mehr dem Zustrom der Besucher, um so mehr, als die Leitung darangeht, Lehrkurse in ihr Arbeitsgebiet einzubauen.

Man sieht sich gezwungen, die Kurse in den Schulen der verschiedenen Bezirke unterzubringen.

Nun hielt Dr. Koessler die Zeit für gekommen, den Gedanken der Erbauung des Uraniagebäudes zu verwirklichen.

Unstimmigkeiten mit der Hausverwaltung, drohende Erhöhung der Miete, Beschränkung der Entwicklungsmöglichkeiten durch den kleinen Raum, alles drängte zur Expansion, zur Veränderung.

Präsident Dr. Koessler, dem sich Prinzessin Alexandrine v. Windischgrätz, vom Uraniagedanken begeistert, anschloß, nahm Vorsprache bei Bürgermeister Doktor Karl Lueger und fand bei dem großen Volksmann volles Verständnis für die Bedeutung des Unternehmens, für die Notwendigkeit der Entwicklungsmöglichkeit. Aber trotz der Sympathie des Bürgermeisters für das [S. 17 ] Volksbildungshaus, türmten sich durch eine Gegnerschaft im Gemeinderat ungeheure Schwierigkeiten, die manchmal groteske Formen annahmen und eine sonderbar anmutende Volksfremdheit erkennen ließen.

Zielbewußtes, Beharrliches war notwendig, die Vorurteile der einzelnen Stadtväter zu besiegen, den Glauben an die Bildungsfreudigkeit der Wiener bei ihnen zu wecken und die Notwendigkeit eines Institutes wie die Wiener Urania für eine Großstadt wie Wien zu verdeutlichen.

Nur dem endlichen Machtworte des Bürgermeisters und der Tatsache, daß ein Betrag von 580.000 Kronen als Teil der Bausumme, durch Anteilscheine aus allen Kreisen der Bevölkerung gezeichnet, zur Verfügung stand, gelang es, die endliche Zustimmung zur Erbauung der Wiener Urania zu erlangen.

Ein Vertrag wurde mit der Gemeinde geschlossen, mit welchem der Wiener Urania der Baugrund am Aspernplatz überlassen und außerdem eine Bausubvention von 100.000 Kronen bewilligt wurde.

Nun kam Schwung in die Idee. Auch die Regierung bewilligte der Urania eine entsprechende Subvention. Das Bauprojekt des Architekten Prof. Fabiani war zur Ausführung bestimmt worden. Am 4. Mai 1909 erfolgte die Grundsteinlegung der Urania, in Anwesenheit des Erzherzogs Leopold Salvator und des Vizebürgermeisters Dr. Josef Neumayr, und schon am 6. Juni 1910 fand die Schlußsteinlegung unseres Volksbildungshauses statt. In Vertretung des Kaisers war Erzherzog Ferdinand Karl Ludwig zur Feierlichkeit erschienen.

Samstag, den 4. Juni 1910, wurde die Urania in der Wollzeile geschlossen, am Abend des 6. Juni das neue Haus am Aspernplatz mit einem Festkonzert eröffnet, und schon am 7. Juni hielt Hofrat Univ.-Prof. Dr. August Fournier den ersten Vortrag: „Aus Oesterreich vor 100 Jahren.“ Eine neue Entwicklungsperiode unseres Volksbildungshauses hatte begonnen.

Neue Kräfte wurden dem jungen, aufblühenden Werke gewonnen: die Administration wurde unter die kräftige Führung Dir. Friedrich Bauers gestellt; Hochschulprofessor Dr. Franz Strunz in die Wissenschaftliche Leitung der Urania berufen, besonders bemerkenswert erscheint im Wirken des jungen Gelehrten neben der Bereicherung des Programms, durch Vorträge interessanter, für den Wiener Boden neuer Männer der Wissenschaft und Kunst, die unter seiner Leitung erfolgte Herausgabe der „Urania-Bücherei“. 1915 tritt Ing. Baurat Adolf Witt in die Leitung ein. Die Urania-Lehrkurse erstehen unter seiner Initiative, werden allmählich zu Kursen mit seminaristischem Unterricht, die, später von Prof. A. Laßmann übernommen, sich zu unseren Volkshochschulkursen entwickeln.

Weithin schallte der Ruf der Urania ins Volk und weckte kräftiges Echo. Bald war das Haus der Mittelpunkt der Bildungsfreunde aller Kreise Wiens.

Die Volkssternwarte wird zu einem vornehmen Bildungsmittel, Literatur, Musik finden eindringlichere Pflege.

Neue Vortragstypen scheinen auf, die allenthalben fleißige Nachahmung finden; so die literarisch-musikalischen Dichterabende, die Uraniavorträge mit Musik, Uraniabühnenspiele, Kulturbilder, in welchen Land und Volk, Kunst und Dichtung, Lied und Tanz und Tracht ihre Darstellung finden. Wiener Volksmusik, Unser Alpenvolk und seine Lieder, Franz Schubert, Johann Strauß, Ferdinand Raimund usw. Die Länder unserer Heimat, die Welt mit ihren Wundern und landschaftlichen Reizen, der Himmel mit seinen Sternen und Geheimnissen tun sich auf in Wort und Bild und Musik und lebendigem Spiel.

Der Eindruck dieser Vorträge ist so groß, daß einige bis zu 500 Aufführungen erzielen. Berühmte Dichter erscheinen am Lesepult. Junge Begabungen, Poeten und Musiker finden Beachtung. Zum erstenmal klingen ihre Dichtungen und Lieder in unseren Sälen, in allen Sprachen singt es und klingt es, die Urania hat der ganzen Welt die Tore aufgetan.

Einen tiefgehenden, nachhaltigen Eindruck bedeutete der Einbau der Kulturfilme in das Programm.

Mit diesem Beginnen vollbrachte die Urania auf dem Gebiete des Films eine Großtat, denn die Erfolge von „Shakletons Südpolexpedition“, „Wunder des Schneeschuhs“ usw. wirkten bestimmend auf die Erzeugung weiterer Filme dieser Art, die ja heute noch einen Hauptprogrammpunkt der Urania bilden und sich in der Verwendung des Films für Volkserziehung zu einem besonders wertvollen Darstellungsmittel gestaltet haben.

Große Singvereinigungen, der Wiener Schubertbund, der Wiener Männergesangverein, der Deutsche Volksgesang-Verein, später der Deutsche Volksliedverein, stellen sich wiederholt in dankenswerter Bereitwilligkeit in den Dienst der Urania und werden so zu Mitarbeitern am Volksbildungswerk des neuen Hauses.

Der große Krieg geht über die Welt, glänzende Unternehmungen stürzen, gut fundierte Institute brechen zusammen, die Urania blüht weiter, ja, ist gerade in den Stunden der Not, der Entmutigung, eine Rettungsinsel für viele an der Menschheit verzweifelnde Herzen.

Sie erweist durch ihren Aufstieg gerade in den Tagen des Krieges ihre Notwendigkeit für Wien, ihre enge, zur Selbstverständlichkeit gewordene Verbundenheit mit Welt und Volk.

Aber der blaue Himmel über der Urania umwölkt sich. Die Nachkriegszeit mit ihren Erschütterungen lastet immer schwerer auf Familie und Leben und wirkt sich selbstverständlich auch auf den Betrieb des Volksbildungshauses aus. Alle Energien müssen angespannt werden, um im Wirbel der tiefeinschneidenden Geschehnisse politischer und gesellschaftlicher Natur sich behaupten zu können. Da trifft 1923 ein großer Verlust das Haus, Regierungsrat Prof. Friedrich Umlauft, der langjährige Direktor des Hauses, stirbt. Eine außerordentliche Kraft für die Bildungsarbeit der Urania geht mit ihm verloren.

Und am 12. März 1927 ein weiterer Schlag; Präsident Dr. Ludwig Koessler ist nicht mehr. Der geniale Führer geht nach kurzer Krankheit von uns. Mitten in großen Plänen, scheinbar schon auf dem Wege der Genesung, wird er gefällt, plötzlich, wie eine Eiche im Sturm. Ein unersetzlicher Verlust für das in schwerer Krisenzeit um den Bestand kämpfende Haus.

Hofrat Prof. Dr. Anton /Lampa/, ein langjähriger getreuer Mitarbeiter der Urania, wird zum Nachfolger gewählt. In schwerer, unsicherer Zeit übernimmt er die [S. 18 ] Leitung des Hauses. Die Weltkrise setzt mit aller Schärfe ein. Das erschütterte Wirtschaftsleben formt alle Verhältnisse um. Bedürfnisse müssen sich ummodeln, Geschmack verändert sich. Die Technik mit ihren großen umstürzenden Errungenschaften stellt neue Verständigungs- und Darstellungsmittel in die Zeit. Radio und Tonfilm verändern die frühere Form der Vermittlung von Wissenschaft, Literatur und Musik und werden zu Konkurrenten auf dem Gebiet unserer Volksbildungsarbeit. Schwer ist die Zeit. Der Umsturz 1934 kommt und leitet eine Umwälzung des Wiener Volksbildungswesens ein: die Stadt Wien nimmt sich offiziell der Wiener Volksbildungseinrichtungen an und schafft als Dachorganisation das Wiener Bildungswerk. Als dann im Herbst 1934 Hofrat Lampa seine Stelle als Präsident der Wiener Urania zurücklegt, wird Prof. Doktor Karl Lugmayer, der auf volkskundlichem Gebiet verdienstreiche und erfahrene Gelehrte, Volksbildungsreferent für Wien, Präsident, Ing. Ludwig Riedl leitender Direktor. Und wie es einmal war, stehen ihnen zur Seite eine Schar junger, arbeitsfreudiger Menschen, bereit, den Volksbildungsgedanken trotz der Schwere der Zeit zum weiteren Erfolg zu führen.

Vor 25 Jahren stürmte Jugend die Bastionen des Vorurteils maßgebender Kreise, die dem Bildungsverlangen des Volkes entgegenstanden und baute siegreich das schöne Haus der Wiener Urania mitten in unsere Heimatstadt als Denkmal unerschütterlichen Glaubens an das Gute und Schöne im Menschen. Ein Vierteljahrhundert ist vorübergerauscht und eine andere Jugend geht ans Werk, das Haus am Aspernplatz zu neuem Glanz zu führen, im Geiste moderner Zeit. Verjüngt in seinem Bau, verjüngt in seinem Wesen, soll es das gute Alte mit den Erfordernissen der neuen Zeit verbinden und pflegen. Möge es den jungen Stürmern in ihrem begeisterten Wollen im Dienen am Volk, im Glauben an das Gute im Menschen gelingen, im Zeichen unseres österreichischen Wesens und unserer deutschen Kultur!

(/Wortwahl, Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen dem Original. Die im Original durch Sperrung hervorgehobenen Wörter wurden kursiv gesetzt. In eckiger Klammer steht die Zahl der jeweiligen Seite des Originaltextes. Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt./)