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Verein Zentralbibliothek

Am 4. Jänner 1897 fand unter dem Vorsitz von Univ.-Prof. Eduard Reyer die konstituierende Sitzung des „Vereins Bibliothek“, später in „Verein Zentralbibliothek“ umbenannt, statt. Im Unterschied zu den Freibüchereien des Wiener Volksbildungsvereins, dem Reyer lange Jahre angehört hatte, konnte eine Entlehnung von Büchern nur gegen Leihgebühr erfolgen. Als Gründe hierfür gab Reyer einerseits die Schwierigkeit an, den Finanzbedarf des Vereins durch freiwillige Spenden zu decken. Andererseits sollten die EntlehnerInnen nicht den Eindruck haben, „von einem wohltätigen Verein beteilt zu werden“, sondern dass es ihre Bibliothek wäre, die sie benutzten. Der Erfolg gab ihm Recht.

Wie die Volksbildungsvereine wahrte auch der Verein Zentralbibliothek weltanschauliche und politische Neutralität.

Bis zum Jahr 1911 wurden im ganzen Wiener Stadtgebiet 24 Filialen eröffnet, die mit einer Ausnahme jahrelang in Betrieb blieben. Daneben wurde auch noch in Mödling und Baden je eine Zweigstelle eröffnet. Die Bibliotheken fanden regen Zuspruch in der Bevölkerung. 1911 wurden beispielsweise über vier Millionen Entlehnungen verzeichnet, womit aber bei weitem noch nicht der Höhepunkt erreicht war. Die große Zahl an Entlehnungen wurde wesentlich dadurch ermöglicht, dass die Zweigstellen an Wochentagen zwischen 9 Uhr morgens und 19 Uhr abends meist durchgehend geöffnet waren.

Pionier der Vernetzung

Obwohl der Vorstand des Vereins stets bestrebt war, die Eigenbestände seiner Büchereistellen ständig zu erweitern, suchte er auch die Zusammenarbeit mit anderen Bibliotheken in Wien. Dabei beschränkte er sich nicht nur auf die Büchereien der anderen Volksbildungsvereine, sondern er nahm auch Verbindung zu anderen Einrichtungen auf, so dass die Bibliothek des juridisch-politischen Lesevereins, die Bibliothek der Handelskammer und die technische Bibliothek der österreichischen Eisenbahnbeamten in den wechselseitigen Leihverkehr aufgenommen werden konnten. Ein gut organisiertes Transportsystem sorgte dafür, dass die bestellten Bücher rasch wie möglich an die jeweiligen Zweigstellen ausgeliefert wurden.

Zudem entwickelte sich auch eine Arbeitsteilung hinsichtlich der Anschaffung von Literatur. Während der Verein Zentralbibliothek sich überwiegend der Beschaffung wertvoller belletristischer Literatur widmete, kaufte beispielsweise der Wiener Volksbildungsverein wissenschaftliche Werke. Diese blieben sein Eigentum, wurden aber dem Verein Zentralbibliothek zur Entlehnung zur Verfügung gestellt.

Frühe qualifizierte Frauenberufe

Die Arbeit in den Zweigstellen wurde ausschließlich von Frauen geleistet. Ein wesentlicher Grund lag in den begrenzten finanziellen Möglichkeiten des Vereins, die nur die Bezahlung unterdurchschnittlicher Löhne gestatteten. Reyer war zwar mit dieser Lohndrückerei nicht einverstanden, nahm sie aber gezwungenermaßen hin. Andererseits bot der Verein Zentralbibliothek Frauen mit gehobener Bildung in einem Ganztagsberuf eine anspruchsvolle Tätigkeit, in der sie ihre Kenntnisse in der Beratung der LeserInnen einsetzen konnten.

Zwar wurde verschiedentlich daran gedacht, eine fachspezifische Ausbildung der Bibliothekarinnen aufzubauen. Die Pläne scheiterten jedoch immer am Geldmangel. Der Verein beschritt daher den Weg, neu eingetretene Bibliothekarinnen durch bereits erfahrene während der Arbeit begleitend auszubilden.

Kampf gegen Schundliteratur

Grundsätzlich waren die leitenden Funktionäre jeder Zensur beim Buchankauf abhold, da der Zensor ihrer Meinung nach nur seine Befangenheiten und Vorurteile als Beurteilungskriterien heranziehen würde. Außerdem würde ein zu beschränkter Buchbestand die LeserInnen zu bald enttäuschen und von der Bücherei fernhalten.

Nichtsdestoweniger stand die Tätigkeit des Vereins durchaus im Zeichen des Kampfes gegen die Schundliteratur. Dem Zeitgeist entsprechend verfielen hauptsächlich Bücher mit erotischen Inhalten dem Verdikt, Schundliteratur zu sein. Dabei kam es mitunter auch zu grotesken Situationen: So wird berichtet, dass eine Leserin sich einmal lautstark darüber beschwert hätte, dass ihre 17-jährige verheiratete Tochter Emile Zolas „Germinal“ nicht hätte entlehnen dürfen, sondern erst die Zustimmung ihres Gatten hierzu verlangt worden wäre.

Zwischen den Kriegen

Die wissenschaftliche und politische Neutralität ermöglichte nach dem Ersten Weltkrieg die Weiterführung der Büchereien des Vereins Zentralbibliothek. Der Verein betreute vorwiegend jene Bevölkerungskreise, die nicht in einem Naheverhältnis zur Sozialdemokratie standen, wohingegen die stark expandierenden Arbeiterbüchereien vorwiegend diese als Leserklientel hatten.

Mit der Errichtung des Ständestaates wurden die Bestände des Vereins Zentralbibliothek wie die aller anderen Volksbüchereien gemäß den Zielen der herrschenden politischen Ideologie gesäubert und inhaltlich angepasst. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten brachte die Auflösung des Vereins mit sich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Verein Zentralbibliothek wiedergegründet. Er erlebte – wie eine Meldung der Rathauskorrespondenz aus dem Jahr 1950 berichtet – als „unter der Aufsicht und Leitung der Stadt Wien stehender Verein“ noch eine kurze Nachblüte, ehe er in die Städtischen Büchereien eingegliedert wurde.

Weiterführende Literatur:

Nötsch, Birgit: Eduard Reyer und die Anfänge des Vereins Zentralbibliothek. Ungedrucktes Typoskript, Wien 1989.

Buchmüller, Heinz: Eduard Reyer. Wissenschafter, Volksbildner und Bibliothekar (1849-1914). In: Mitteilungen des Vereins zur Geschichte der Volkshochschulen 4. Jg. H. 3-4, 1993, S. 8-13.