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Volkshochschule Steiermark

Die Gründung

Mit der Wiederherstellung der Republik Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg trat an die Kammer für Arbeiter und Angestellte für Steiermark die Aufgabe heran, ihren gesetzlich festgelegten Bildungsauftrag unter neuen Rahmenbedingungen wieder aufzunehmen. Neu waren die Rahmenbedingungen insofern, als die materiellen Grundlagen hierfür – Gebäude und Räumlichkeiten – während der klerikalfaschistischen und nationalsozialistischen Herrschaft zerstört worden waren und die inhaltliche Bildungsarbeit im neuen, demokratischen Geist erfolgen sollte.

Der Präsident der steirischen Arbeiterkammer, Otto Möbes, erteilte Dr. Franz Scheucher den Auftrag, diese Aufgabe in Angriff zu nehmen. Nach Besuchen bei den Wiener Volkshochschulen und dem Studium ausländischer, vor allem skandinavischer Volksbildungseinrichtungen legte Scheucher am 19. September 1947 dem Präsidium der steirischen Arbeiterkammer den Plan zur Gründung einer Volkshochschule in Graz vor. Nach den Vorstellungen Scheuchers sollte die Volkshochschule sich nicht nur auf die Lehrtätigkeit in Kursen und Vorträgen aus allen Wissensgebieten beschränken, wofür anerkannte Fachleute als Lehrende gewonnen werden sollten, sondern auch soziologische und sozialpolitische Forschungsaufgaben, vornehmlich zur Lage der Arbeiterschaft, übernehmen.

Im Wintersemester 1947/48 nahm die Volkshochschule der steirischen Arbeiterkammer ihren Betrieb auf. Neben Graz wurde in der obersteirischen Industriestadt Leoben eine zweite Volkshochschule eingerichtet.

Aus den Programmen der frühen Nachkriegsjahre ist zu entnehmen, dass bei ihrer Planung von den Vorbildern der Vorkriegszeit ausgegangen worden war: Im Mittelpunkt standen die wissenschaftliche Bildung, die an den zeitgenössischen Stand des Hochschulwissens heranführen sollte, und künstlerische Darbietungen hochkultureller Prägung.

Entwicklung neuer Ziele und Methoden

Bald zeige sich, dass dieser Ansatz nicht den Bedürfnissen in der Arbeiterschaft entsprach. Innerhalb von fünf Jahren sank der Anteil der ArbeiterInnen an der Teilnehmerschaft an den Bildungsveranstaltungen von 38 auf 14 Prozent. Neue Wege mussten gefunden werden, um die Zielgruppe, der die Arbeiterkammer verpflichtet war, auch anzusprechen.

Im Bereich der Infrastruktur baute die steirische Arbeiterkammer viele ihrer Amtsstellen zu Volkshochschulen aus, um auf diese Weise der Zielgruppe ihres Bildungsangebotes auch örtlich näher zu kommen.

Mit der Amtsübernahme von Dr. Aladar Pfniß als Leiter der Volkshochschule in Graz im Jahre 1952 wurden inhaltlich und methodisch neue Akzente im Bildungsprogramm gesetzt:
- Durch die Rundfunksendereihe „Hier spricht die Volkshochschule“ wurden neue TeilnehmerInnenkreise erschlossen.
- Dem damaligen Zeitgeist entsprechend, sollte durch einen Filmklub der gute Film gefördert und dem „Schundfilm“ der Kampf angesagt werden.
- Die Aktion „Erlebte Ferien“ hatte das Ziel, ArbeitnehmerInnen bildungsfördernde Urlaubsaufenthalte zu vermitteln.
- Die Zusammenarbeit mit Presse und Rundfunk wurde erweitert und vertieft, um den Bekanntheitsgrad der Volkshochschulen zu erhöhen.
- Das Kursangebot wurde vor allem auf dem Gebiet der Fremdsprachen um aufeinander aufbauende Teillehrgänge – Module würde man heute sagen – erweitert.

Die realistische Wende

Im Mai 1961 entstand unter der Federführung von Herbert Grau und Aladar Pfniß die vom Pädagogischen Ausschuss des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen in Auftrag gegebene Stellungnahme zu »Auftrag, Wesen und Stellung der Volkshochschule in Österreich«. In diesem Dokument wurden die berufliche Weiterbildung, der „Zweite Bildungsweg“ zur Nachholung schulischer Abschlüsse als neue Tätigkeitsfelder der Volkshochschulen genannt wie auch der Gedanke angesprochen, dass für erfolgreich abgeschlossene Studiengänge Zeugnisse ausgestellt werden könnten. Diesem Gedanken wurde aber noch nicht näher getreten, weil die für die Ausstellung staatsgültiger Zeugnisse erforderlichen Voraussetzungen und Bedingungen damals noch nicht gegeben waren.

Die steirischen Volkshochschulen konnten sich jedoch nicht auf Dauer dem Druck diesbezüglicher Wünsche aus dem Publikum entziehen. Zum einen nahm der Fachbereich „Praktische und technische Kurse“ zu, in dem unter anderem auch berufliche Qualifikationen vermittelt wurden, wofür die TeilnehmerInnen entsprechende Bescheinigungen wünschten. Zum anderen mussten die Volkshochschulen auf dem Bildungsmarkt zunehmend im Wettbewerb mit privaten Bildungsanbietern bestehen.

Gegen Ende der sechziger Jahre mussten sich unter dem Druck der europäischen Entwicklungen auch die steirischen Volkshochschulen dazu entschließen, für Kurse aus bestimmten Fachbereichen informell gültige Zertifikate auszustellen. Im Jahr 1968 erhielten die ersten AbsolventInnen von Sprachkursen diese Zertifikate.

Dieses Eingehen auf die Wünsche aus dem Publikum bescherte den Volkshochschulen in der Steiermark sowohl einen Zuwachs an TeilnehmerInnen als auch eine Vermehrung der Kursorte. Neben Graz verfügten die Volkshochschulen in den siebziger Jahren über ungefähr 100 Standorte. Ihr Werbespruch „Eine Volkshochschule ist immer in Ihrer Nähe“ kam somit der Wirklichkeit durchaus nahe.

In den siebziger Jahren wurde auch der Ausbau der steirischen Volkshochschulen von Abend- zu Ganztagsschulen eingeleitet. Um ArbeitnehmerInnen, die in Wechselschichten arbeiteten, die Teilnahme an Kursen zu ermöglichen, wurden in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre in zunehmendem Maße so genannte „Parallelkurse“ eingerichtet. Zu den Abendkursen wurden an Vormittagen gleichartige Kurse geführt, so dass TeilnehmerInnen beim Wechsel ihres Schichtdienstes den Kurs, der zur jeweils anderen Tageszeit stattfand, besuchen konnten. Nachdem diese Kursform sich im Bereich der Sprachkurse sehr bewährt hatte, wurde sie mit großem Erfolg auch in anderen Fachbereichen eingeführt.

Diese Betriebsausweitungen der Volkshochschulen waren nur möglich geworden, weil in allen Arbeitsbereichen – Programmplanung und Verwaltung – zunehmend hauptamtliche MitarbeiterInnen angestellt wurden. Vor allem die zu Beginn der achtziger Jahre vom Unterrichtsministerium ins Leben gerufene Aktion „Stellenlose Lehrer für die Erwachsenenbildung“ förderte diese Entwicklung und hob die Qualität der pädagogischen Arbeit.

Auf dem Weg ins EDV-Zeitalter

Mitte der achtziger Jahre startete die Volkshochschule Leoben den Versuch, ihre Verwaltung über elektronische Datenverarbeitung (EDV) abzuwickeln. Ab dem Jahr 1987 wurde die EDV-gestützte Verwaltung auf alle steirischen Volkshochschulen ausgeweitet und im Arbeitsjahr 1990/91 fix eingeführt. Die „VHS-Hörerkarte“ ersparte den TeilnehmerInnen das langwierige Ausfüllen von Anmeldeformularen und erleichterte den Volkshochschulbediensteten die Veranstaltungsplanung und -durchführung.

Damit gleichlaufend entwickelten sich die so genannten „Computer-Kurse“, in denen der Umgang mit dem rasch an Wichtigkeit gewinnenden Arbeits- und Freizeitgerät gelehrt wurde, zu einem florierenden Zweig innerhalb der praktischen und technischen Kurse.

Mit den in der Folgezeit eingeleiteten Maßnahmen zur Qualitätssicherung und Qualitätsverbesserung wurden und werden die steirischen Volkshochschulen den Anforderungen eines zeitgemäßen Bildungsmanagements gerecht.

Weiterführende Literatur:

AK Steiermark (Hg.): 50 Jahre AK-Volkshochschule 1947-1997, Graz (1997), 143 S.

Hans Altenhuber: Entwicklung, Struktur und Probleme der österreichischen Erwachsenenbildung, Wien 1975, 18 S.

Wolfgang Seebacher: Die Volkshochschule Graz; Der Versuch einer Entwicklungsgeschichte einer Einrichtung der Erwachsenenbildung. Univ. Graz Dipl.-Arb. 1983, 69 S.